Blog-Zug

Dienstag, 12. November 2013

Wenn einem Heiligen ein Licht aufgeht …

Gestern war, wie Ihr sicher wisst, Sankt Martin. Ein Gedenktag für einen Mann, der, als alle anderen an einem Bettler achtlos vorbei liefen, anhielt, seinen Mantel mit seinem Schwert zerschnitt und eine der beiden Hälften dem Obdachlosen schenkte.
Gut – wie so viele alte Bräuche oder Festtage fällt auch dieses leider dem Kommerz zum Opfer. Laternenhalterungen, Plastiklaternenköpfe, bunte Papierbänder, Leuchten und Lämpchen zu Tausenden … abgesehen davon, so habe ich gestern beim Fest auf der Grundschule unserer kleinen Tochter gelernt, ist es auch der erste offizielle Ausschanktag für Glühwein. Weihnachten naht unausweichlich …
Wie dem auch sei; als ich gestern Abend inmitten einer Heerschaar von lachenden Kindern und mindestens doppelt so vielen gelangweilten Erwachsenen stand, stellte sich mir unweigerlich die Frage: Wer hat eigentlich noch den eigentlichen Sinn dieses Festes vor Augen – oder zumindest im Kopf? Denn mal ehrlich – denkt Ihr darüber nach, was da vor vielen hundert Jahren in Amiens wirklich passiert ist? 
Oder: Wusstet Ihr eigentlich, wo unser Brauch, eine Martinsgans zu verspeisen, überhaupt herkommt?   Martin sollte im Jahr 371 in der Stadt Tours von den Einwohnern zum Bischof ernannt werden. Weil er sich aber des Amtes für unwürdig empfand, lief er in irgendeinen Gänsestall, um sich dort zu verstecken. Da Gänse aber bekanntlich schnattern (und das nicht zu wenig – fragen Sie mal unsere Töchter …), wurde er durch ebendiese verraten und musste dann schließlich doch das Amt annehmen.

Soweit der geschichtliche Hintergrund. Nun begab es sich aber gestern Abend während des Umzuges (der übrigens auf dem Schulhof der besagten Grundschule abgehalten wurde), dass bei einer Klassenkameradin meiner Tochter die Lampe ihrer Umzugslaterne versagte. Eine Katastrophe, ein Super-GAU. Das Kind weinte hemmungslos in den Armen ihrer Mutter und ich war drauf und dran, irgendwen anzurufen, der helfen konnte. Die GSG9 oder die Jungs von CSI – die haben doch immer eine Lösung. Oder Mac Gyver …
Auf alle Fälle schaute mich die betroffene Mutter an und sagte zu ihrer Tochter, ohne dass ich es hätte verhindern können: „Der Papa von der Celina kann ja mal schauen, ob er es repariert bekommt …)
ICH? Ich bin handwerklich in etwa so begabt wie Menderes als Sänger. Aber unter dem Aspekt der Nächstenliebe nahm ich mich der Funzel an. Versuchen kann man es ja mal. Meine Tochter Celina ist nun acht Jahre und sah nach etwa gefühlten vier Sekunden, dass ihr Papa da hoffnungslos überfordert war. „Ich mach das, gib mal her!“, lautete ihre Anweisung. Nichts lieber als das. 
Mit fachmännischem Wissen (wie heißt eigentlich zu „fachmännisch“ das weibliche Gegenstück?) stellte sie innerhalb von zwei Minuten fest, dass da nichts mehr zu retten sei. 1-Euro-Artikel, halt. Das Weinen ihrer Freundin wurde daraufhin noch lauter.
Und was passierte dann? Meine Tochter baute ihren Laternenstab aus ihrer selbstgebastelten Umhüllung in Form eines pinken Schweinekopfes aus und gab den ihrer Freundin mit den Worten: „Hier, nimm meinen. Damit du nicht mehr weinst.“ Glückliche Kinderaugen und ein stolzer Papa.

Und seit gestern Abend weiß ich, dass ich mindesten EINEN Menschen kenne, der den Sinn des Sankt Martin Festes nicht nur kennt, sondern auch versteht. Und ihn lebt.
Ich wünsche Euch einen schönen Abend!



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