Blog-Zug

Samstag, 6. April 2013

Fremdschämen will gelernt sein

Auch ich bin lernfähig. Man soll es nicht für möglich halten, aber es ist wirklich so.
So habe ich mir in den letzten Monaten – ich gebe zu, gelesen habt Ihr von mir nicht allzuviel -
vieles aneignen müssen. Dinge betreffend, die sich um das nun endlich eingetragene Label handeln. Viel Papierkram, jede Menge Telefonate – aber schliesslich doch machbar, wenn man sich nicht allzu blöde anstellt.
Oder die neuen Songs, die in Arbeit sind und zum Teil hier auch schon fertig liegen. Ich dachte immer, ich sei gut bei dem was ich in Sachen Musik mache. Nein, stelle ich fest, ich bin nicht gut – ich bin RICHTIG gut. Und um noch besser zu werden, habe ich einen Fortbildungskurs belegt. Und ich muss sagen, in meinem biblischen Alter nochmal die Schulbank zu drücken, macht schon stolz. Andererseits lerne ich ja auch jeden Tag hinzu. Bei allem, was ich mache.
Und nach wie vor begleitet mich die Bildzeitung durch den Tag. Die News dort sind vielleicht nicht immer so aufgebaut, dass man weiss, was in der Welt wirklich passiert, aber interessant und unterhaltsam.
Und heute – gerade vor einer Viertelstunde – habe ich wieder was dazugelernt. Ich weiss jetzt, was „Fremdschämen“ bedeutet. Nein, ehrlich, bislang war mir das nicht wirklich ein Begriff. Immer wieder habe ich meine Traumfrau fragend angeschaut, wenn sie zu mir sagte: „Schatz, das kann ich mir nicht ansehen, das ist ja zum Fremdschämen!“
Beispielsweise bei manchen Filmen oder auch wenn ich mir mal eine Runde „Alfred Tetzlaff“ anschaue. Meine Frau hat das Pech, dass sie auch in diesem Fall immer mitleiden muss, denn WENN bei uns mal ein Film läuft, dann über den PC und der ist nunmal im Büro und das haben wir beide zusammen.
Aber heute – heute lese ich die BILD und mir geht ein Licht nach dem nächsten auf. Da finde ich einen Bericht über Menschen, die sich beschweren, was ihren Urlaub angeht. „Der Sand in der Sahara war zu heiss“ … „Niemand hat uns gesagt, dass im Meer Fische schwimmen. Unsere Kinder sind dadurch traumatisiert“ … „Das Personal war viel zu freundlich. Wir mussten mehr Trinkgeld geben als eingeplant“ …
So oder so ähnlich las ich und es ging weiter und weiter und weiter …
Was sind das für Menschen? Wie schaffen sie es, überhaupt heile über die Strasse zu kommen? Schliesslich hat ihnen vielleicht ja auch keiner gesagt, dass ein fahrendes Auto stärker ist als ein Fußgänger und dass ein Zusammenprall wehtun könnte.
Keiner hat ihnen erklärt, dass im Meer Fische leben. Ja nee, iss klar.
Ist das jetzt wirklich Dummheit oder einfach nur dreist? Gestern hatte ich beispielsweise einen Fall von dummer Dreistigkeit. Da habe ich jemandem eine Mail geschrieben und er hat nicht geantwortet. Da er aber täglich bei Facebook zu finden ist, dachte ich mir, ich passe ihn mal ab und schicke ihm eine PN, nach dem Motto: Auf meine Mail hast Du ja nicht geantwortet …
Ich bekam auch prompt eine Reaktion: Er sei umgezogen und habe erst seit einigen Stunden wieder Internet.
Ja, bin ich denn blöde? Seine Facebook-Aktivitäten hat er dann wahrscheinlich alle übers Internetcafe gemacht. Stunden über Stunden. Hauptsache, er hat jemanden gefunden, der in der Onlinezeit für ihn seinen Umzug über die Bühne gebracht hat.
Jedenfalls: Von gestern auf heute im Nachhinein betrachtet, weiss ich nun, was Fremdschämen bedeutet. Und ich stelle fest, dass offensichtlich eine Menge Menschen da draussen rumlaufen, denen man eigentlich sogar die Luft zum Atmen einteilen müsste.
Aber vorher sollte man ihnen erklären, dass sie die zum Leben brauchen.
Mahlzeit!