Blog-Zug

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Der Babyvampir

„Papi, guck mal!“. Kennt Ihr die noch? Das war meine erste kurze Abhandlung über die wundersame Beziehung zwischen meiner  Tochter und mir.
Zu dem Zeitpunkt war sie noch kurz vor sechs Jahre alt. Mittlerweile ist sie kurz nach sieben, es hat sich einiges ereignet, vieles, was ich sicher noch zu Papier bringen werde,
reichliches, das lustig war, manches, das zu Tränen rührte und auch weniges, das ich lieber verschweige, weil es Dinge gibt, die große Geheimnisse zwischen Vater und Tochter bleiben müssen.
Die Ereignisse der letzten Tage haben mich aber nun bewogen, doch etwas zu schreiben.
Angefangen hat alles am Freitag letzter Woche. Eigentlich wären meine Traumfrau und ich in Frankfurt gewesen, in möglicher Erwartung der Entgegennahme eines Preises, den sie – also meine Göttergattin – sich sicherlich auch verdient gehabt hätte. Grundsätzlich war alles geplant. Weil, wir müssen IMMER planen, wenn wir gemeinschaftlich unser Domizil länger als fünf Minuten verlassen möchten. So ist beispielsweise die Entsorgung des Hausmülls für uns beide eine Art Kurzurlaub. Das machen wir nämlich gerne am Abend, möglichst nach 23 Uhr, weil wir dann meistens sichergehen können, dass die Kinder schlafen. Oder zumindest fast. Wenn wir uns dann leise auf Zehenspitzen rausschleichen, erreichen wir in der Regel problemlos den Aufzug.
Haben wir dann die Müllbeutel unten fachgerecht entsorgt, nutzen wir den Moment, um eine Runde um den Häuserblock zu drehen. Das sind dann immerhin fast zehn Minuten, in denen wir ohne Geschrei, ohne Gepolter, ohne fallende Einrichtungsgegenstände, weinende oder streitende Geschwister und sogar ohne Telefon zu verbringen. Kurzurlaub, eben.

So planten wir, wie gesagt, auch die Fahrt nach Frankfurt, doch aus verschiedenen Gründen klappte es nicht. Shit happens, war der erste Gedanke. Alles kommt so, wie es soll, der zweite.
Und eben dieser wurde bestätigt. Denn kaum war es Mittag, klingelte es an der Tür. Anders als sonst und anders als gewohnt, aber, war es nicht unsere Kleine, die sich schon seit dem Morgen am hinter unserem Wohnblock befindlichen Reiterhof aufhielt, sondern zwei kleine Mädchen, die vollkommen aufgebracht bei uns vor der Tür standen und riefen „Celi ist gebissen worden!“
Begreifen ist eine Sache – Handeln eine zweite. Ich stand noch in T-Shirt und Jogginghose in der Wohnung, zwei Minuten später schon komplett umgezogen auf dem Weg nach draußen. Den Kommentar unserer ältesten „Du bist ja immer noch hier!“ hab ich einfach mal überhört.
Als ich unten an der Haustür angekommen war, stand eine mir bis dahin unbekannte Frau davor und unterhielt sich über die Gegensprechanlage mit meiner Gattin. „Kommen Sie schnell runter, ich fahre Sie ins Krankenhaus!“
„Bin schon da …“ war meine Antwort. Ab ins Auto, in dem auf der Rückbank ein turbanverschnürtes, verweintes und zitterndes Etwas saß – meine Tochter.
Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde mir dann von meiner Chauffeuse erklärt, das Kind sei von einem Pony aus welchen Gründen auch immer ins Ohr gebissen worden, es habe ganz schlimm geblutet und es würde wohl auch was fehlen.
Scheiß Situation, wenn ich mal so sagen darf. Abgesehen davon, dass ich heilefroh war, ein atmendes Kind im Auto vorzufinden, das „NUR“ am Ohr verletzt war, stellte sich mir direkt die Frage, wie man einer Siebenjährigen erklärt, dass ihr künftig dauerhaft ein kleiner Teil Körper fehlen würde?!
Ich möchte nun nicht in allen Einzelheiten auf unseren Tag in zwei Krankenhäusern, verschiedene Taxifahrten und mehrere Gespräche mit verblüfften Ärzten („Pferd? Ein Pferd?? Krass …“) eingehen. Wie ich eingangs schrieb, weniges bleibt ein Geheimnis.
Aber es ist mittlerweile eine Woche vergangen, wir waren drei Mal zur Nachuntersuchung und ob man es glauben mag oder nicht, aber diese Geschichte hat meine Tochter und mich um einiges mehr zusammengeschweißt.
So haben wir bei einer Fahrt vom Krankenhaus, vorgestern, auf dem Weg nach Hause, gemeinschaftlich einen Buchplot entwickelt. Meine Tochter hat die Figur eines Babyvampirs erfunden, der Abenteuer in der Großstadt erlebt. Ein, zwei Geschichten sind schon entstanden, die ich noch niederschreiben muss. Und weitere werden folgen, da bin ich sicher.
Und wir haben ein Erkennungszeichen erfunden, an dem sich Vampire, die zu einer Familie gehören, immer wiederfinden. Aber das ist wieder ein Geheimnis zwischen Vater und Tochter.
Weniges bleibt eben ein Geheimnis.

Einen schönen Tag wünsche ich Euch!

Kommentare:

  1. Gänsehaut pur...
    so wunderbar hast du diese
    "So ist das Alltagsleben" Storie beschrieben.
    Schön wie du es dir von der Seele geschrieben hast.
    Die Angst - die Erleichterung.
    Das wird unser Begleiter sein so lange wir leben,
    so lange wir Eltern sind.
    Zieh dich warm an,
    als ich mal heulte wie ein Schloßhund und bei
    einer Nachbarin jammerte:
    "dieses Kind bekomme ich nicht groß" -
    sagte diese ganz gelassen.
    Kleine Kinder kleine Sorgen ...
    Große Kinder große Sorgen.
    Sie hatte recht.
    Dir und deiner Traumfrau ein liebevolles Durchhalten.

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  2. Lieber Micky, nix dafür...
    Ich sage und schreibe NUR was ich denke und fühle.
    Du schreibst so lebensnah, so nachvollziehbar.
    Besser geht nicht
    Ganz lieber Gruß
    kann es sein ihr zieht in meine alte Heimat?
    dann grüßt Old Wattschke von Christa

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  3. Je nun, ich schreibe halt so, wie ich fühle. Dass es Dir gefällt, freut mich natürlich sehr. Und: JA - es geht nach Wattenscheid^^
    Und es ist immer noch so schön wie früher ... hat eine eigene Art von Romantik;)

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