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Samstag, 22. September 2012

Psittaciformes und weitere phylogenetische Erscheinungen im Nahverkehr

So – einiges tut sich ja bei uns und so komme ich in der letzten Zeit kaum dazu, Euch mit Neuigkeiten zu versorgen. Selbst Kalle, der ja gerne und viel für Euch schreibt, ist aufgrund der Renovierungsarbeiten dermaßen eingespannt, dass er hier eine kleine Schreibpause eingelegt hat.
Aber nachdem ich mich fast drei Wochen hier selber nicht habe blicken lassen und ich gestern wieder so einen dieser Tage hatte, musste ich mich einfach heute mal hinsetzen und Euch an meinem Leid teilhaben lassen …
Ich bin ja immer noch am Hin- und Herfahren zwischen unserem neuen Domizil und unserer derzeitigen Wohnung. Da wir, also meine Traumfrau und ich, wie ich an anderer Stelle schon mal erzählte, kein eigenes Auto haben, nutzen wir nach wie vor die Möglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs. Und da habe ich ja schon einige interessante Begegnungen gehabt. Aber gestern, gestern, sag‘ ich Euch, da war ich wirklich kurz vor der Explosion.
Und dabei bin ich doch ein so ruhiger Vertreter. Genaugenommen bin ich sogar richtig schüchtern. Gerade in der Öffentlichkeit falle ich nur höchst selten auf. Es gab eine Zeit, da war ich so zurückhaltend, dass ich problemlos im Restaurant kostenlos essen gehen konnte, weil die Kellner in der Regel vergessen haben, mich abzukassieren.
Das war früher. Heute bin ich denn doch ein klein wenig forscher und komme mit den Dingen um die Ecke, die für mich persönlich wichtig zu sein scheinen.
So auch beim Busfahren.
Gestern beispielsweise mache ich mich nach einem außergewöhnlich anstrengenden Tag auf den Heimweg. Ich stehe also an der Bushaltestelle in Wattenscheid und warte auf die Linie 363, die mich zurück nach Essen bringen soll. An der Haltestelle stehen gefühlte vierhundert Leute, die den gleichen Gedanken haben. Das ist für mich immer der Moment, in dem ich mich vom Jungspund, als der ich mich fühle, gerne in die Person des älteren Herrn verwandele. Ein wenig Schweiß auf der Stirn, etwas hecheln und die jungen Leute um mich herum wehleidig anlächeln. Funktioniert. Meistens jedenfalls …
Gestern war es dann ein wenig anders.
Vorne im Getümmel eingestiegen und dem Busfahrer ein freundliches „Guten Tag“ hinübergeworfen war die eine Sache. Vollkommen erledigt vom Renovieren (ja, gestern habe ich selber mal Hand angelegt) einen freien Sitzplatz finden, die andere.
Aber mit geübtem Blick finde ich, gleich in der zweiten Reihe hinter dem Chauffeur, einen freien Platz. Leider nicht am Fenster (ich sitze gerne am Fenster, um Leute zu beobachten), denn auf besagtem Fensterplatz sitzt ein Geschöpf der Gattung Psittaciformes, in hiesigen Gebieten auch unter dem Namen „Papagei“ bekannt. Oder zumindest so etwas Ähnliches saß dort. Rotbraun-orange getönte Haare, eine quietschgelbe Jacke der Marke „Sesamstrasse“, eine grüne Handtasche auf einer in einem dezenten weinrot gehaltenen Schlabberhose, eine dunkelrote Brille, abgerundet durch ein paar aquamarinfarbene Lackschuhe. Das Alter dieses Exemplares war schwer zu schätzen; ich denke es dürfte im unteren U-60-Bereich angesiedelt gewesen sein, dafür war das Gewicht klar über 90. Kilogramm, in diesem Fall.
Der Papagei wäre mir vielleicht gar nicht so aufgefallen, wenn er (sie? … wie heißt eigentlich ein weiblicher Papagei? Mamagei? Papasine? Ich weiß es nicht …), wenn er nicht angefangen hätte, in dem Moment, in dem ich mich setzen wollte, mich anzuschreien. Immerhin – sprechen konnte es …
„Hier sitzt mein Mann!!!“ rief es mir zu. Kurz vor dem eigentlichen Sitzvorgang erreichte mich der Ruf, ich hielt inne und begann, mich gleich schnell wieder zu erheben, wie ich mich hatte setzen wollen.
„‘tschuldigung“, nuschelte ich, etwas angesäuert ob dieser Art, mich anzusprechen. Zumal die Stimme des besagten  Objektes absolut passend zum Äußeren war. Schrill, einfach schrill.

Also suchte ich weiter nach einem Sitzplatz und wurde ein zweites Mal fündig, gleich zwei Reihen weiter neben einem Herrn. In dem Moment, als ich mich setzen wollte, kam von ihm „Hier sitzt meine Frau!!“
Ich war nun – zugegebenermaßen – etwas verwirrt. Gehörten die beiden womöglich zusammen? Wenn ja, sollte man ihnen sagen, wo der jeweilige Partner sein temporäres Nest gefunden hatte, dachte ich so bei mir.
Jedoch setzte sich neben den Herrn eine zu ihm passende Dame. Zumindest ER hatte das Glück, dass ich ihn nicht bei einer möglichen Unwahrheit erwischte. Denn in den öffentlichen Verkehrsmitteln sind Partner, die sich gleich auf den freien Sitz setzen werden, häufig nur in den Wunschvorstellungen der Menschen Realität, die zwei nebeneinander platzierte Sitze belegen. Das aber nur am Rande …
Ich schaute also suchend umher und wurde dann von einer dritten Person angesprochen. Etwa siebzig Jahre alt, männlich, mit einem Jägerhut auf dem Kopf.
„Setzen sie sich neben mich – ich bin geschieden!“, schmunzelte der ältere Herr.
„Und ich verheiratet!“, antwortete ich. Das passte.
Als ich endlich saß, hatte neben dem Papagei eine junge Frau Platz genommen. Ich war nun vollkommen überrascht, denn gegen diese schien der Papagei keine Einwände zu haben. Dafür saß mir gegenüber nun, wie sich im Laufe der Fahrt herausstellte, Klaus. Klaus war etwa Mitte sechzig, hager, grau im Gesicht und mit jeder Menge spiegelverkehrter Lachfalten – wenn man den Spiegel horizontal hält. Lag wahrscheinlich an dem Papagei, mit dem er, wie ich erkannte, verheiratet war.
Nach drei oder vier Haltestellen wurde der Platz neben Klaus dann auch frei, so dass der Papagei sich zu ihm durchzwängen konnte. Und mit einem Mal hatte das bunte Ungetüm so etwas wie ein Lächeln auf dem Gesicht. Klaus hingegen nicht – mir schien, als hätte er lieber alleine den Rest der Fahrt hinter sich gebracht.
Wie auch immer – ich habe mir die beiden eine Weile angeschaut und festgestellt, dass ich, wenn meine Traumfrau und ich mal dreißig Jahre verheiratet sein sollten, sicherlich auch auf jeden Fall im Bus neben ihr sitzen möchte. Ich setze mir auch einen Hut auf und färbe mir die Haare grau.
Aber Schatz: Wenn Du dich dann so anziehst wie ein Papagei, bringe ich Dich in den Zoo. Versprochen.


 

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