Blog-Zug

Freitag, 29. Juni 2012

Public Viewing im Wohnzimmer

Zwei Wochen habe ich nun nichts mehr in meinen Blog gepackt. Heute muss es sein. Und das Werk entsteht hier gerade nach dem Ausscheiden unserer Nationalmannschaft während der EM. Gegen Italien. Ok, es hat ja noch nie wirklich gegen die Azzurri geklappt. Aber ein wenig Hoffnung hatten wir schon, sind wir doch mal ehrlich.
Aber: Was versteht Ihr unter einem entspannten Fußballabend? Bier, Cola, Erdnüsse, Chips und Nikotin? Nachkarten bis zum Gehtnichtmehr? Freunde gemeinsam zitternd und hoffend, sei es daheim auf der Couch oder in einer Kneipe (rauchfrei, versteht sich) oder vielleicht auch beim vielgelobten Public Viewing?
Leute, ich sag es Euch, was ein „entspannter Fußballabend“ ist. Fernsehen ohne Kinder. Insbesondere ohne Kinder zwischen sechs und elf Jahren. Ich hatte heute einen Fußballabend. 
Aber nicht entspannt …

Wisst Ihr, es ist schon schlimm genug, wenn man mitanschauen muss, wie das heimische Team alles daran setzt, um dem „Die Italiener-gewinnen-sowieso-Tipp“ meiner Frau Daseinsberechtigung zu verschaffen. Nicht nur das, sie hatte ja auch noch den absolut richtigen Tipp mit „1:2“ abgegeben. Als Nichtfußballer, nur mal so am Rande.
Aber unsere drei Stöpsel, 6, 9 und 11 Jahre alt, wollten unbedingt mitschauen. Gut. Morgen ist zwar Schule, aber nicht so früh wie sonst (Lehrersitzung – ja, nee, iss klar. Die wollten auch nur den vermeintlichen Sieg feiern …) und SO oft sind ja auch keine großen Turniere. 
Also bitte, warum nicht.

Gehen wir dann mal die Kommentare zum Teil durch – Kind für Kind. Fangen wir bei der Kleinen an. 
Sie ist, wie ich an anderer Stelle bereits sagte, kurz vor sieben Jahre alt. Also noch sechs. Die erste Halbzeit hat sie draußen verbracht, um mit ihrer Freundin vor der Tür zu spielen. Das einzige Mal geklingelt hat sie in der ersten Halbzeit, um mir zu sagen, dass ihre Freundin ihr einen Schuh geklaut hätte. Wahrscheinlich (nehme ich an), um unserem Poldi endlich mal vernünftiges Schuhwerk zum Toreschießen zu bringen. Hat aber nix genutzt, Poldi wurde ja ausgewechselt. Und ich habe im TV genau hingeschaut, aber er trug keine rosa Badeschlappen.
Wie gesagt, zur zweiten Halbzeit war sie dann auch schon oben. „Wer gewinnt?“, war die erste Frage.
    „Im Moment wohl Italien …“, brummelte ich. „Oh“, bekam ich zur Antwort, „ich hab beide lieb. Also Unentschieden wäre schön. Dann sind die alle nicht traurig!“

Lieb gemeint, in der Praxis aber nicht durchzuführen. Kein Kommentar von meiner Seite. „Papi, warum liegt der Mann auf dem Boden? Ist der hingefallen?“ „Nein“, antworte ich, „der hört, ob unter dem Spielfeld eine Ölader ist.“ Wäre da eine gewesen, wären mir einige komische Entscheidungen des Schiedsrichters klarer gewesen – die Grundstückspreise im Austragungsland sind derzeit ja so niedrig, dass das Schiedsrichtersalär für ein Halbfinalspiel durchaus für ein ausgebautes Stück Land in der Grösse des Stadions ausreichend ist.

   „Papi, du sollst mich nicht veräppeln!“ „Tschuldigung!“, murmele ich schuldbewußt.
   „Papi, der guckt, als ob er Schmerzen hätte!“

Kein Wunder. Italien führt zwei zu null und der am Boden trägt ein blaues Trikot. Hier kommt wieder das südeuropäische voll zum Tragen: Zeitspiel. Nicht, dass ich da voreingenommen wäre, doch manches ist schon verwunderlich – bei einer Nettospielzeit von 90 Minuten (nach Regelwerk) liegt der gut trainierte italienische Profifußballer bei einer Führung der eigenen Mannschaft rund 70 Minuten am Boden.

   „Deutschland, Deutschland, ich hab Dich lieb, Deutschland, Deutschland …“ Meine Tochter feuert unsere Mannschaft mitten aus dem Ruhrgebiet an. Meine Frau hält sich die Ohren zu und ich schaue sie strafend an. „Tschuldigung …“ – jetzt ist sie schuldbewußt. Anfeuern hilft nix, Deutschland verliert.

Betrachten wir unseren Sohn. Wortkarg wie immer. Große Tochter will das Spiel unbedingt sehen, um dann „Malen nach Zahlen“ am Nebentisch zu praktizieren. Sein Kommentar: „Ich nicht.“ Ne, Du nicht, Großer. Du guckst mit Papa Fußball. Kleine Tochter will ja erst einmal raus, wie ich vorhin schon schrieb. Sein Kommentar: „Ich nicht.“ Nein, wie gesagt, WIR gucken ja Fußball. 
Übrigens auf zwei Fernsehern. Ein kleiner hinten in der Ecke (für die Kinder, wenn sie schauen) und meiner, der eigentlich ein Arbeitsplatzbildschirm ist. Moderne Technik macht’s möglich. Allerdings hat der in der Kinderecke Kabel, der vor meiner Nase Schüssel. Das wiederum hat zur Folge, dass ich von hinten das höre, was ich vor mir etwa vier Sekunden später sehe – ebenfalls mit Ton. Das wiederum hat verschiedene Folgen: Zum Einen einen psychoakustischen: Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass mit den Boxen was nicht stimmt. Es stimmt aber alles. Stellt Euch vor, Ihr fahrt Auto und hinter Euch hört Ihr einen anderen Wagen quietschen. Den seht Ihr aber etwa vier Sekunden später VOR Euch. Ist eine ganz andere Art von Wahrnehmung …

Was aber ein viel größeres Problem bei Versatz zwischen Ton und Bild ist, das ist „Langeweile“. Denn das, was man vor sich sieht, hat man ja vorher schon gehört. Ergo wußte ich schon bevor das erste Tor für Italien bei mir am Fernseher zu sehen war, dass es existierte. Das wiederum hat es in der Vergangenheit bei den anderen Spielen der deutschen Mannschaft schwierig gemacht, zu jubeln. Denn der Reporter hinter mir brüllte bereits „TOR!“ bevor der unsrige Stürmer es erzielt hatte. Gut – bei der WM machen wir es dann sicherlich anders!

Aber wie war das denn heute Abend mit unserer großen, elfjährigen Tochter? Wie gesagt, ERST wollte sie das Spiel schauen. DANN nicht mehr, DANN aber doch wieder. Soweit, so gut. Schlimm wurde es, als sie anfing, zu kommentieren und zu fragen.
   „Papi, darf man den Kapitän auswechseln?“
   „Ja, sicher.“
   „Lahm heißt der, nicht wahr?“
   „Ja.“
   „Wie heißt der mit den schwarzen Haaren?“
   „Steht auf dem Trikot, außerdem sind da einige mit schwarzen Haaren.“
   „Der hat kein Trikot an …“
   ?Wir haben Oben-Ohne-Spieler? *KOPFKRATZ*
   „Na der, der alles entscheidet!“
   „Schiedsrichter???“
   „Nein, der der auch auswechselt!“
   „Ach, du meinst den Bundestrainer? Löw heißt der!“
   „Kann der auch Fußball spielen?“
Gute Frage. Ich denke schon …
   „Ja, kann er. Gut sogar.“
   „Echt? Ein Trainer kann auch spielen?“
Berechtigte Frage. Denken wir nur mal an Sepp Herberger. Wobei ich altersgemäß nur schwer mithalten kann, wenn es beispielsweise zur Frage kommt, ob beispielsweise Udo Lattek ein guter Fußballer war.
2:0 für Italien. Der Torschütze wird angezeigt, namentlich mit den beiden Toren, die er geschossen hat.
   „Canneloni? Das ist aber ein komischer Name!“
   „Da hast du dich verlesen.“
   „Aber der hat doch die 36. Wieso hat der jetzt zwei andere Nummern??“
  „Das sind die Minuten, in denen er die Tore geschossen hat.“
  „Spanien durfte ja nicht mitspielen. Mist.“
  „Durften sie nicht? Ich dachte, die stehen im Finale!“, so meine Antwort.
   „Aber beim letzten Mal durften die nicht.“
  „Meinst du jetzt, als sie Welt- oder Europameister geworden sind?“
Schweigen. Väter sind doof.
   „Wieso zeigen die jetzt immer noch diese Wiederholungen von den Toren? Zählen die auch?“
Die Frage stell ich mir allerdings auch. Schlimm genug, dass Italien gewinnt, nein, jetzt muss ich mir das Drama auch noch in Zeitlupe anschauen.
   Zehn Minuten vor Ende. „Wer gewinnt?“
  „Italien hat zwei Tore, Deutschland keines. Das Spiel ist beinahe vorbei. Was meinst du, wer gewinnt?“
   „Oh …“
   „Haben alle Länder Nationalhymnen?“
   „Ja.“
   „Auch die armen??“
   „Ja, auch die.“
Kommentar meiner Frau: „Nationalhymnen kosten nicht so viel. Das können die sich auch leisten.“
Klar, danke, Schatz. Musiker in der Familie bin ich und ich weiß auch so, dass wir unterbezahlt sind.

Meine Frau hat die rettende Idee und schickt die Kinder ins Bett. Ich habe die rettende Idee und schalte den Fernseher aus. 5 Minuten vor Spielende. Und was soll ich sagen? Ich verpasse NATÜRLICH auch das letzte Tor der Deutschen bei diesem Turnier. 
Das erste und das zweite hatte ich bereits verpasst, weil ich währenddessen in der Küche war, um Kaffee zu holen.

Was soll ich sagen? DIE zwei Jahre bis zur WM schaffen wir auch noch.
Mahlzeit.




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